Von Daniel F. Pinnow, 20. Oktober 2010
Stuttgart 21 hat sich selbstständig gemacht. Kaum ist das Projekt vom Bauvorhaben in Stuttgarts Innenstadt zum Disput eskaliert, schon überrollen Demonstranten seine Erschaffer mit ihrer Wut - und die schiessen mit Wasserwerfern zurück. Für Führungskräfte ein lehrreiches Anschauungsbeispiel, denn selten zeigen sich Fehler in der Führung von Menschen in unserem Land in so polarisierenden Bildern.
Jetzt, da Schlichter Heiner Geißler mit Treibern und Hinderern des Bauvorhabens an einem Tisch sitzt, wird deutlich: Stuttgart 21 ist nicht nur eine bittere Lektion für ein überholtes Führungsverständnis, sondern vor allem Symptom für die strukturellen Mängel des Systems: Die Gruppe um Ministerpräsident Stefan Mappus, der selbst lieber direktiv auftritt, als „alles zu zerreden“, ist sozial und ideologisch hoch homogen, in Denken und Arbeiten weit entfernt wahrscheinlich nicht nur von den tausenden von Bürgern, die bisher auf die Straße gegangen sind. Bis zuletzt hat sie sich erfolgreich nach außen abgeschottet, die Reihen geschlossen, sich in der eigenen Meinung bestärkt und in einer selbst geschaffenen Illusion der Unverwundbarkeit ihr Projekt durchgezogen - je stärker der Widerstand, desto beharrlicher. Entwicklungsminister Niebel erklärte sogar bereits im Vorfeld zu Geißlers Einsatz, Schlichtungsbemühungen seien überflüssig.
Was sie hätten anders machen sollen? „Schwätze muss man mit de Leit“, bringt es der Schwabe auf den Punkt. Eine erfolgreiche Führungskraft weiss um die Macht der Kommunikation. Vielmehr noch: Sie ist sich bewusst, dass sie einen Mund aber zwei Ohren besitzt und nutzt diese entsprechend. Sie hört zu. Sie beobachtet ihr jeweiliges System, analysiert, welche sachlichen, sozialen und zeitlichen Muster und Prozesse diesem zugrunde liegen und fragt „Welche Impulse muss ich meinem System geben, um Kurs auf das neue Ziel zu setzen?“ Und zwar nicht nur am Anfang eines Projektes, sondern fortwährend.
Dafür ist es freilich notwendig, die eigene Komfortzone zu verlassen. Auch die Führungskräfte der Politik müssen sich und ihre Entscheidungen im Sinne der systemischen Führung der öffentlichen Diskussion aussetzen. Ihre Aufgabe ist es, den gesellschaftlichen Dialog anzustoßen, mit Inhalten zu füttern und in Gang zu halten, in konkreten und klaren Worten. Das gibt Raum für Emotionen und entzieht Radikalismus den Nährstoff.
Richtig, auch die Treiber von Stuttgart 21 haben immer wieder über ihr Projekt informiert, nur wirklich kommuniziert haben sie eben nur im eigenen Zirkel. Nun liegt es an Heiner Geißler, diesen Automatismus zu knacken. Gelingt es ihm, haben die Verantwortlichen die Chance, ihre Lektion zu lernen. Gelingt es ihm nicht, dürften Posten frei werden.