Agilität, die Zukunft der Arbeit

16.05.2017
Wir müssen mehr Demokratie im Unternehmen wagen – aber dazu auch die Mitarbeiter entsprechend „entfesseln“. Über die Zukunft der Arbeit wird viel diskutiert: „Holocracy“, „Liquid Enterprise“, „Arbeit 4.0“ – ständig geistern neue Begriffe durch den Raum, die von den zuständigen Propheten unaufhörlich mit Beweismaterial für ihre Richtigkeit genährt werden. Wie soll ein Manager aus dieser Kakophonie Handlungsempfehlungen ableiten?
Gastbeitrag
Bodo R. V. Antonic

Ich bin zutiefst überzeugt, dass es ohne Hierarchie schlichtweg nicht geht. Ich bin aber zugleich davon überzeugt, dass man Hierarchien flach leben kann, indem man die Selbstorganisation breiter aufstellt – wohlgemerkt, in Ländern, die kulturell und hinsichtlich ihrer Ausbildungslandschaft dafür vorbereitet sind.

Warum ist das notwendig? Weil viele Organisationen durch Dogmen und „Überprozessualisierung“ gelähmt sind! Ihre Dogmen zu leben, wird für die Organisation/das Unternehmen wichtiger als locker, beweglich und anpassungsfähig zu bleiben.

Wollen wir ein Unternehmen in dieser Hinsicht neu ausrichten, müssen wir es gezielt „unrund“ machen, Spielregeln abbauen. Mein Ansatz ist die Unwucht-Kybernetik: Sie bringt bewusst „Unruhe“ in eingefahrene Prozesse, erzeugt jedoch bei erfolgreicher Anwendung dauerhafte Stabilität. Unterstützt von einem Werte-Fundament.

Vor einigen Jahren leitete ich als Vertriebsdirektor eine Landesvertriebsorganisation. Die Frustration vor Ort war hoch, die Menschen der Organisation fühlten sich beengt, gegängelt und „über-prozessualisiert“. Selbst bei der Anschaffung eines Kugelschreibers war ein Antrag freizugeben.

Ich schaffte also diese Spielregel einfach ab, nachdem mir niemand eine Antwort auf die Frage nach ihrem Sinn geben konnte. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach an anderen Stellen. Zunehmend entspannte sich die Organisation, wurde lockerer und vor allem – schneller!

Die Lösung liegt also in der Kommunikation. Schon nach dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann ist ein Unternehmen nichts anderes als Kommunikation. „Und wenn es sich nicht selbst macht, ist es kein System“ (Luhmann).

Geben wir unseren Mitarbeitern also nach und nach durch Spielregelabbau ihre Freiheit, die sie brauchen, um kreativ und leistungsstark zu werden. Entfesseln wir Sie! Aber ein Unternehmen ist natürlich keine Basisdemokratie. Wir sollten viel diskutieren, aber wichtige Entscheidungen an die Nicht-Manager auszulagern, wäre falsch.

Es muss also zum Kontext passen. Wer europäischen Facharbeitern zu wenig Freiheit gibt, wird diese frustrieren. Ein ungelernter Arbeiter in den USA kann aufgrund seiner Ausbildungssituation mit Freiheiten vermutlich wenig anfangen.

Insgesamt lautet mein Plädoyer daher: Ja, wir müssen mehr Demokratie wagen. Es ist unternehmerisch sinnvoll, denn die freigesetzte Arbeitsfreude unserer Mitarbeiter schafft Raum für Kreativität, Produktivität und Antifragilität.