Alte Kulturtechniken als Basis für zeitgemäßes Coaching

08.07.2020
Coaching gilt oft als relativ junge Disziplin – dabei ist es in Wirklichkeit schon über 2400 Jahre alt. Der erste Coach der Weltgeschichte war Sokrates. Seine Art Fragen zu stellen, lockte bei seinen Gesprächspartnern Erkenntnisse hervor, über die sie selbst vorher vermutlich nie nachgedacht hatten.
Angela Wagner
Angela Wagner

Sokrates wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Lernen besteht in einem Erinnern von Informationen, die bereits seit Generationen in der Seele des Menschen wohnen.“ Besser kann man Coaching nicht beschreiben.

Sein ganzes Leben lang führte er mit anderen Menschen Gespräche über deren Ideen. Durch seine Art, Fragen zu stellen, ging er diesen Ideen auf den Grund und überprüfte so gleichermaßen, wie tragfähig sie waren. Auch seine Gesprächspartner, ihre Auffassungen und ihre Lebensweisen betrachtete er sehr genau und hinterfragte sie in seinen Dialogen. Dabei gab er keine Ratschläge, sondern nahm die Überzeugungen der Menschen genau unter die Lupe. Er unterschied sich dadurch von den anderen großen Rhetorikern seiner Zeit, die in erster Linie belehren und überzeugen wollten. Die Vorgehensweise von Sokrates war dagegen non-direktiv, er hinterfragte sehr gründlich und hörte zu. Er gab sich als „nicht wissend“ und regte dadurch seine Gesprächspartner an, sich eigene Gedanken zu machen. Sokrates war der Überzeugung, dass Wissen, Einsicht und somit Lösungsideen in jedem Menschen schon angelegt sind und nur ans Licht gebracht werden müssen. Seine speziellen Fragetechniken, die sein Gegenüber durch einen Prozess der Selbstreflexion – auch bei emotionalen Problemen – schickten, finden wir in weiterentwickelter Form im Coaching wieder.

Als Philosophin und Psychologin entspricht dies auch meiner Grundhaltung.

 

Sowohl Sokrates als auch die Stoiker haben sich mit der Frage beschäftigt, ob man Emotionen über den Verstand regulieren kann. Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat sich ebenfalls mit dieser These beschäftigt und kommt zu dem Schluss: „Ich bin selbst für meine Gefühle verantwortlich.“ Er ging davon aus, dass die gegenwärtige Stimmung viel stärker durch die Antizipation des Kommenden beeinflusst wird als durch die Gegenwart.

Gefühle sind komplexe Wahrnehmungen, die uns, kognitiv verarbeitet und analysiert, darin unterstützen können, Situationen zu bewerten und konkrete Lösungen zu finden. Unter Emotionen hingegen versteht man schnell einschießende Affekte, die unreflektiert zu Handlungsimpulsen führen können, die nicht sinnvoll sind.

 

Sven Barnow, Professor an der Universität Heidelberg, stellt in seinem Buch „Gefühle im Griff“ die Zusammenhänge von Emotionsregulation und körperlicher/seelischer Gesundheit, Arbeitszufriedenheit und Leistungsfähigkeit dar. Eine intelligente Emotionsregulation, sagt er, ermöglicht es, durch innere und äußere Einflüsse erzeugte Gefühle so zu regulieren, das wir in der Lage sind, auf die hohen Anforderungen des beruflichen Alltags, wie Zeitdruck, Flexibilität, Entscheidungsfindung und Konfliktlösung, adäquat und angemessen reagieren zu können und gesund und leistungsfähig bleiben.

 

Dabei ist die Kenntnis der neurobiologischen Grundlagen der Gefühlsregulation sehr hilfreich, um zu verstehen, welche Strategien sich positiv auf unser Befinden auswirken. Durch gezieltes Training können wir Einfluss auf unsere Hirnaktivität nehmen und Zugang zu unseren geistigen Ressourcen zurückbekommen, was zu mehr Klarheit und Gelassenheit führt. Die Methoden hierfür sind Atemtechniken, Achtsamkeitstechniken und Meditation. Dies sind ebenfalls Konzepte bzw. Kulturtechniken mit einer langen Geschichte. Sie entstammen ursprünglich den traditionellen asiatischen Lehren und dienten immer schon der Zentrierung und Selbstregulation. Sie waren allerdings lange Zeit ausschließlich den privilegierten Klassen vorbehalten.

 

Zu einem konstruktiven Umgang mit Gefühlen gehört es, Gefühle wahrnehmen, benennen, akzeptieren und tolerieren zu können und nicht gleich den mit diesen Gefühlen einhergehenden Handlungsimpulsen nachzugeben. Achtsamkeit im Sinne eines achtsamen Umgangs mit sich selbst und anderen ist ein entscheidender Faktor, um sich selbst und andere auf eine gute Weise führen zu können. Dies schafft die Voraussetzung, um in der professionellen Beratung, sowohl in Distanz wie auch in Resonanz, ziel- und auftragsorientiert arbeiten zu können.

Alle aus diesen Theorien entstandenen Haltungen und Methoden lasse ich in meine Coaching-Arbeit in einer konzentrierten Haltung von Respekt, Achtung, Aufmerksamkeit und Zugewandtheit einfließen.