Coaching: Wirkung oder Scharlatanerie?

Coaching: Wirkung oder Scharlatanerie?

14.02.2018
Lineare Strukturen lösen sich auf und dieKomplexität in der Arbeitsweltnimmt zu, der Druck auch. Der Bedarf, sich zu positionieren, steigt. Konflikte sollen benannt und auch noch konstruktiv angegangen werden. So manche(r) fühlt sich wie ein Dampfkochtopf: Der Druck im Alltag nimmt immer weiter zu - gleichzeitig erfordern auch private Beziehungen ein Zuhören, sich aushalten, verhandeln - nichts scheint sicher, wenigstens nicht auf Dauer und alles steht immer wieder auf dem Prüfstand.
Gastbeitrag
Alexander Höhn

Das scheint heute Normalität zu sein. Wir scheinen entlassen aus den ewigen Gewissheiten autoritärer Systeme in einen Kosmos zwischen erhöhter Freiheit oder besser Freizügigkeit und dem Bedarf nach Selbstverantwortung.

Und dann steht der oder die Einzelne vor dem Spiegel und fragt: Ja, was sind denn meine Bedürfnisse hinter meinen Erwartungen? Wie beginne ich denn, meine Bedürfnisse zu spüren und wahrzunehmen, um klarer fokussiert agieren zu können?

Setzt das doch voraus, Zeit für mich zu haben, Ruheorte, Pausen machen zu können. Um klarer entscheiden zu können, auf was ich mich konzentrieren möchte, was ich direkt oder wenigstens mittelbar zu beeinflussen vermag, um mich „selbstwirksam” zu empfinden.

Freude haben, Lust spüren, Stille genießen, einfach mal irgendwo sitzen und hören, ziellos - der Luft, den Bewegungen des Alltags, dem Rauschen des Laubs und der Ruhe in einer alten Kirche. Wohl eher seltene Augenblicke in einer Welt, die Befriedigung fordert: Befriedigung der Teambedürfnisse, Kundenerwartungen, Zielerreichung, familiären Erwartungen nach erfüllter Partnerschaft und eben auch noch erfüllten Zuständen privaten Glücks.

Ein Spannungsbogen zwischen lustvoller Herausforderung und frustrierenden Augenblicken, zwischen Zweifeln und Optimismus, Agilität und Verzweiflung.

Ich lasse mich in diesen Augenblicken immer wieder unterstützen - also „coachen”; so manches Mal ist es viel wert, sich inspirieren zu lassen, Feedback zu erhalten, einen Wechsel des Blickwinkels vorzunehmen - mit einem „Profi”.

Aber woran erkenne ich diesen? Wichtigste Unterscheidung von einem Scharlatan ist wohl, nicht die „Wahrheit gepachtet zu haben”, Ihnen nicht zu sagen, was richtig oder falsch ist, gar Ihnen zu sagen, wie Sie sind und was Sie zu tun haben - also Ihnen ein geschlossenes Denkgebäude anzubieten. Jedwede Ideologie ist wohlweislich anzuzweifeln - der Guru, der Retter, der Wissende – das sollte grundsätzlich zum Nachprüfen auffordern.

Der tatsächliche professionelle Coach ist ein Zweifelnder und Unvollkommener. Er stellt Fragen, lässt mich mit Alternativen zurück, ohne Antworten, sondern mit Impulsen - das könnte der Weg in den Reichtum meiner Biographie und Möglichkeiten sein.

So könnte es wirklich gelingen - Coaching als Inspiration und Wegbereitung (?) zu den eigenen inneren Ressourcen.

Übrigens lohnt der neue Film über Churchill „Die dunkelste Stunde”; da ist ein mutiger Mensch zu sehen in all seiner Unvollkommenheit und mit seinen Zweifeln - als Humus seiner Entschlossenheit und seiner Courage. Viel Freude Ihnen - nicht nur mit diesem Film.