Das könnte man mal machen! Dieses ... Digital-Dings...

Das könnte man mal machen! Dieses ... Digital-Dings...

19.07.2017
„Die Welt schläft nicht und wartet nicht auf Deutschland“. Auf dem Digital-Gipfel in Ludwigshafen Mitte Juni hat Angela Merkel es wiederholt betont: Ein modernes Schritt-Halten mit der globalen Ökonomie ist Pflicht. Bei Künstlicher Intelligenz und 3D-Druck sei man führend, wir bräuchten jedoch eine digitale Agenda: Richtung, anspruchsvollere Ziele und – Hilfen bei der Umsetzung!
Gastbeitrag
Friederike Müller-Friemauth

Einwurf aus der Zukunftsforschung

Umsetzung? Okay, aber von was?

So sieht sie aus, die politische Sprach- und Konzeptlosigkeit in Sachen Digitalisierung. Bislang existiert unter den öffentlich wahrnehmbaren Experten noch nicht einmal ein einheitliches Verständnis darüber, was Digitalisierung eigentlich bedeuten soll. Die einen fordern, endlich ein europäisches Google oder Amazon zu gründen, die anderen wollen Google zerschlagen. Die einen fordern den Netzausbau, empfehlen Big Data und beschwören die „Disruption“ durch Algorithmen, die anderen wollen mehr Hilfen für Digital-Start-ups – und so weiter.

Während unserer kuriosen Selbstfindung bastelt Kalifornien fleißig weiter an seinem Monopolkonzept („Plattform-Kapitalismus“) und baut die Schnittstellen zwischen digitaler und realer Welt aus. An den Kosten der Grundlagenforschung dafür beteiligen sich dort Staat, Militär und Unternehmen gleichermaßen – eine zu uns nicht vergleichbare Situation. Andere Länder haben sich längst positioniert und entwickeln eigene staatliche Standortprofile. Die zentrale Aufgabe des heutigen japanischen METI etwa (heute das Ministerium für Wirtschaft, Handel, Industrie) liegt im Aufzeigen von Entwicklungen sowie der Früherkennung und dem "Zur-Verfügung-Stellen von Signalen". Das METI leitet oder beauftragt Studiengruppen sowie Branchenausschüsse und erstellt Berichte, die sich mit neuen Technologien, Entwicklungen im internationalen Wettbewerb und Zukunftsfragen befassen. Die Berichte werden veröffentlicht und in der Presse ausführlich diskutiert: Unternehmen sollen auf sich abzeichnende Trends und Probleme aufmerksam gemacht werden. Dabei wird Forschung koordiniert und häufig in Kooperation mit Unternehmen durchgeführt – Forschung und Entwicklung im ‚Mode 3’ (Transformative Wissenschaft). So geht Disruption auch. Zum Beispiel.

Aus zukunftsforscherischer Sicht liegt der Unterschied zwischen diesen beiden beispielhaften ökonomischen Zukunfts-Agenden und unseren deutschen Funktionseliten, die das Neue zwar beschreien, aber außer „Umsetzungshilfen“ keinen Schimmer von der Richtung haben, vor allem in einem zentralen Punkt: der Erkenntnis, dass die Schaffung von etwas – also den allseits geforderten neuen innovativen Produkten und Geschäftsmodellen – und das Verständnis davon beziehungsweise eine anschauliche Vorstellung zu ein und demselben unteilbaren Vorgang gehören. Man muss wissen, wer man ist, um zu wissen, was man tut.

Unsere Schaffung von Neuem jedoch wird derzeit von wohldefinierten (Förder-)Programmen angeleitet und Big-Data-perfektionierten Prognosen gestützt - Instrumentalismus pur. Verständnis und Orientierungswissen – ein praktischer Drang in eine Richtung, die man gut und richtig findet und deshalb einschlagen will; eine Leidenschaft oder eine Vision, aus der ein bestimmtes Verhalten entspringt? Fehlanzeige. Viele Mittelständler haben für diese Leerstelle ein feines Gespür. In der deutschen Mittelstandstradition eines Alfred Krupp, Robert Bosch, Philip Rosenthal, Otto Bock oder Hasso Plattner steht sie jedenfalls nicht.

Eine Regierung, die Druck macht, ist überflüssig, den machen sich die Unternehmen schon selbst. Eine Regierung, die ihres Amtes waltet – nämlich Richtlinienkompetenz zeigte (Art. 65 GG) – wäre indes an der Zeit. Wie sagte der gerade verstorbene Altkanzler Kohl: „Die Visionäre von gestern sind die Realisten von heute“. Bloß machen Visionäre nichts mit irgendeinem „Digital-Dings“, wie der aktuelle Spot eines Telekommunikationsunternehmens die Misere aufs Korn nimmt, sondern wollen etwas ganz Bestimmtes in die Welt bringen.

„Vielleicht machen wir’s aber auch anders!“ So geht der Spot weiter. Hoffentlich nicht auch die gesellschaftspolitische ‚Diskussion’ über digitale Transformation.