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Die Kolumne

Sind wir nicht alle ein bisschen coaching?

In meiner Kindheit gab´s ein Spiel das hieß „Schlapp hat den Hut verloren“. Das ging ungefähr so: Alle sitzen im Kreis. Der erste sagt: „Schlapp hat den Hut verloren, Tom hat ihn.“ Und wirft den Hut zu Tom. Tom sagt dann: „Tom hat ihn nicht, Kai hat ihn“. Und wirft ihn dann zu Kai. Und so weiter. Fehler werden geahndet durch Strafaufgaben wie Gedicht aufsagen, Verrenkungen machen etc.

An dieses Spiel denke ich zuweilen, wenn ich mit Führungskräften über die immer vielgestaltigeren Rollen spreche, die sie ausfüllen müssen. „Welchen Hut habe ich eigentlich gerade auf oder versehentlich verloren und wenn ja, wie viele?“ ist oft eine naheliegende Frage.

Mechtild Erpenbeck
Mechtild Erpenbeck
Dipl.-Päd.

Ein ganz besonderer Hut, der für Führungskräfte im Angebot ist, heißt „Coach“. Ja, ja. Man stellt ihn sich flott vor, diesen Hut, sportlich-rustikal und überaus zeitgemäß. Fast ein Basecap. Und zu so einem Hut kommt so manche Führungskraft wie die Jungfrau zum Kinde. So berichten nicht nur die Teilnehmer/innen unseres Seminars „Die Führungskraft als Coach“ oft, dass sie von ihrem Chef den Auftrag haben,  ihre Leute  „irgendwo hin zu coachen“, zu mehr Leistung, besserem Sozialverhalten, mehr Eigenverantwortung, weniger Widerstand und ähnlichen Dingen. Und dann geht´s munter zum Anpfiff und ggf. ins Seminar, damit nichts schiefgeht.

Wenn ich ehrlich bin, kann mich die völlig beliebige Verwendung des Begriffes „Coach“ und „Coaching“ noch immer ziemlich auf die Palme bringen. Alles ist Coaching, ob Schmink-Coaching für Teenager auf youtube, Bewerbungscoaching, Kameracoaching, Kochcoaching - schnurz. Man könnte meinen, in diesem Land wird alles gecoacht, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Da ist der Coach im Fußball, der doch eigentlich ein Trainer ist, schon fast das Gediegenste in dieser Sammlung.

Was ist da los? Woher kommt diese Flut? Welche Idee, welche Hoffnung klingt darin an? Das hat sich doch erst in den letzten Jahren so inflationär entwickelt. Wenn ich mal von meiner Palme runterkomme, denke ich: Möglicherweise ist das alles einfach ein Ausdruck für den Wunsch nach Menschlichkeit im Umgang miteinander. „Coachen“ klingt einfach besser als „beibringen“, „unterweisen“, „trainieren“ – obwohl genau das oft damit gemeint ist. Der Begriff hat fraglos das Flair eines partnerschaftlichen, ermutigenden, kraftspendenden und unterstützenden Umgangs. Ja, und immer auch irgendwie psychologisch. Abholen soll man sie da, die Mitarbeitenden, irgendwie abholen.

Nun gut, denke ich, so gesehen…. ist es ja nicht das Schlechteste! Und wenn das die Idee ist, wenn Führungskräfte auch noch diesen Hut aufsetzen sollen – ist doch prima!

Wenn´s denn so einfach wäre. Der Wert- und Bedeutungsverlust des Begriffes im Zuge seines inflationären Gebrauchs macht die eigentliche Qualität, die ein professionelles Coaching bietet, haarsträubend unkenntlich. Coaching ist eine ganz eigenständige Kunst. Und ein ganz eigenes Handwerk. Mit einem spezifischen Methoden- und Interventionsrepertoire und vor allem mit einer sehr besonderen Beziehungsgestaltung. All dies zu ergründen, zu erfahren und auszuloten, ist für Führungskräfte ohne Zweifel ungeheuer nutzbringend- aber den „quick win“ gibt es dabei nicht. Leider. Auch Führungskräfte, die viel Erfahrung und Know-how in Sachen Menschenführung haben, müssen in Vielem noch einmal ganz von vorn anfangen, wenn sie professionelles Coaching lernen wollen. Gelingt es, ist der Zugewinn auch für die Führungsarbeit einzigartig: die Fähigkeit, Menschen in Kontakt mit ihren eigenen persönlichen Ressourcen zu bringen.
 Ich bin da wirklich altmodisch und wahrscheinlich ziemlich unsportlich: Ich bestehe auf Qualitätsstandards und möchte dem Begriff Coaching gern seine Würde wiedergeben.

Dafür würde ich glatt meinen Hut in den Ring werfen.

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