Die Qualität der Aufmerksamkeit bestimmt die Qualität von Entscheidungen

10.07.2019
Die erste Hitzewelle in diesem Jahr ist erfolgreich überstanden. Bei dieser Hitze konnte man sich nur noch schlecht im Büro konzentrieren. Doch mit der kühleren Luft, werden wir jetzt wieder aufmerksamer und ein wacher Kopf bringt durchaus Positives mit sich.
Rainer Paszek
Rainer Paszek

Das Management ist heute mit Situationen konfrontiert, die durch zunehmende Komplexität gekennzeichnet sind:

  • Ursache und Wirkung von Ereignissen sind räumlich und zeitlich voneinander entfernt. Zum Beispiel sind die aktuellen Treibhauseffekte durch Emissionen vor 1970 verursacht worden und führen jetzt unter anderem zur Entwicklung und Verbreitung der Elektromobilität.
  • Es gibt sprunghafte Veränderungsdynamiken, d. h. die Zukunft wird anders sein als nur eine Variation der Vergangenheit.
  • Hinzu kommen verschiedene Interessen der Beteiligten, der allgegenwärtige Zeitdruck und die zunehmende Fülle an Informationen.

Um Komplexität managen zu können, reichen rationale Methoden allein nicht mehr aus. C. O. Scharmer, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat in 10-jähriger Forschungsarbeit und erprobter Praxis in Organisationen die „Theorie U“ entwickelt. Es geht dabei um die Frage, wie wir zukünftige Entwicklungen bereits jetzt erkennen können. Es handelt sich um einen strukturierten Prozess, der rationale und intuitive Methoden organisch miteinander verbindet.

Drei Ebenen von Entscheidungs- und Handlungsprozessen

1.            Was - Inhalt/Thema: Strategien entwerfen – Produkte entwickeln – Standortentscheidung

2.            Wie - Methoden: Design Thinking – Szenariotechniken – Business Canvas – Brainstorming

3.            Der innere Ort, aus dem heraus wir agieren: Die Qualität der inneren Aufmerksamkeit.

"Der Erfolg einer Intervention hängt von dem inneren Ort ab, aus dem heraus der Intervenierende handelt.” William O’Brien, ehemaliger CEO der Hannoverschen Versicherung

 

Während die beiden ersten Ebenen in der Regel bewusst gestaltet werden, bleibt der "innere Ort“, der den Entscheidungsprozessen zugrunde liegt, meist im Dunkeln. Es geht dabei um die Fähigkeit, neben den inhaltlichen und methodischen Aspekten auch sich selbst als Person zu reflektieren. Das umfasst unter anderem die eigenen Haltungen, Präferenzen und die Art zu denken. Insbesondere wenn wir unter Druck sind, greifen wir auf vertraute Muster und Erfahrungen zurück. Hinzu kommt der Einfluss von Emotionen. Aus der Hirnforschung wissen wir, dass Gefühle maßgeblich bei allen kognitiven Prozessen und Entscheidungen beteiligt sind.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio belegte das in einem Experiment: Versuchspersonen konnten entweder blaue oder grüne Karten ziehen, um ihren Gewinn zu maximieren. Die blauen brachten gelegentlich hohe Gewinne, meist aber schwere Verluste. Grüne Karten erbrachten geringe Beträge, meist aber Gewinne. Nach 50 Versuchen hatten die Versuchspersonen das erkannt und konnten die grünen Karten als die erfolgreichere Strategie benennen. Bereits nach 10 Versuchen zeigten die Personen allerdings schon körperlich messbare Stresssymptome, wenn sie eine blaue Karte wählten. Der "Bauch“ wusste es also schon weit früher als der rationale Verstand.

Um die Qualität von Entscheidungs- und Bewertungsprozessen zu erhöhen, ist es daher sinnvoll, Denken und Fühlen zu verbinden und den inneren Vorgängen gegenüber aufmerksam zu sein, ihnen gleichsam zuzuschauen wie aus einer "Hubschrauberperspektive". Kognitionsforscher bezeichnen diese Fähigkeit als Metakognition.

Insbesondere unter Zeitdruck oder in emotional aufgeladenen Diskussionen ist es hilfreich, das Gedankenkarussell erst mal anzuhalten. Lucien Berlinger, Vorstandsvorsitzender der Züricher Kantonalbank Österreich, praktiziert das seit vielen Jahren: „Wenn bei mir Sturm im Kopf ist, ich nicht weiß, was ich tun soll und (… dann innehalte,) kommt die Ruhe und mit der Ruhe die Klarheit, Lösungen als solche zu erkennen.“

Indem wir bewusst innehalten und den gegenwärtigen Augenblick wahrnehmen, kann sich unsere intuitive Intelligenz entfalten, durch die wir Zukunftsimpulse erspüren und neue Ideen kreieren. Unterstützend sind dabei Praktiken zur Stärkung innerer Achtsamkeit. Neurowissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass dies zu mehr Ausgeglichenheit führt und es erleichtert, aus Stresssituationen aussteigen. Wir agieren dann aus einem mind-state der Besonnenheit heraus, was zu stimmigeren und nachhaltigeren Lösungen führt.