Führungsprobleme sind immer Wahrnehmungsprobleme! Oder?

10.03.2020
In letzter Zeit, so empfinde ich es zumindest verstärkt, werden wir medial mit gut gemeinten Ratschlägen und Tipps über Mindfulness bombardiert – wie man die Welt sehen sollte, damit man eleganter seine Zielstellungen erreicht, wie man sich selbst zu führen hat, damit man mit den Anforderungen des Führungsalltags noch besser klarkommt.
Oliver Ernst
Oliver Ernst

Die Welt, die uns umgibt, stellt lauter Imperative an uns selbst. Und das „Ich“, dass all das wahrnimmt, ist eine „bloße Illusion“ der westlichen Welt, die es in Meditationssitzungen gilt zu transzendieren. So kommen wir dann zu unserem wahren Selbst...

Sei so!

Dann kannst Du das besser!

Sei so, dann bist Du besser in der Lage das zu tun!

Und dergleichen mehr!

 

Je mehr man sich mit Literatur und Artikeln zum Thema Führung beschäftigt, umso mehr entsteht der Eindruck, selbst dafür verantwortlich zu sein, was einem im Leben und speziell im Führungsalltag widerfährt. Und gleichzeitig haben wir alle das Gefühl, dass wir viele Dinge, die sich in unserem Alltag ereignen, eben nicht steuern oder beeinflussen können und ihnen ausgeliefert sind. Denn sie passieren uns einfach. Die meisten unserer Erlebnisse werden durch äußere Ereignisse beeinflusst und sind nicht steuerbar. Doch wie wir sie bewerten, wie wir sie empfinden, letztlich wie wir sie beurteilen, liegt wiederum ganz klar in unserem eigenen Verantwortungsbereich.

 Wenn wir diese Auffassung konsequenterweise zu Ende denken, dann ist doch jedes Führungsproblem etwas, für das wir selbst verantwortlich sind. Schließlich liegt es „nur“ daran, wie wir unsere Wahrnehmungen beurteilen. Wie geht das mit der Empfindung zusammen, dass Dinge, die uns passieren von uns nicht beeinflussbar sind? Und wie können wir im Coaching Verantwortung erlernen, wie wir die Welt wahrnehmen?

Ein erster Schritt ist, sich darüber klar zu werden, dass jeder von uns mit einem sehr individuellen Set an Glaubenssätzen ausgestattet ist, welche die eigene Wahrnehmungswelt erheblich beeinflussen. Im Coaching arbeite ich sehr gerne mit einem Modell, das auf den sperrigen Namen „Radikaler Konstruktivismus“ hört. Es ermöglicht auch eher verkopften Menschen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass es nur die eigenen Überzeugungen sind, die uns dazu bringen, die Welt auf die uns spezifische Weise zu sehen: positiv oder negativ, problemorientiert oder lösungsorientiert, unkomplizierte und leistungsbereite Mitarbeiter oder umständliche und den Anforderungen nicht gerecht werdende Mitarbeiter usw.

Im Kern beinhaltet das Modell eigentlich nur einen Satz, alles Weitere lässt sich daraus ableiten. Und dieser Satz klingt zunächst einmal sehr simpel und die allermeisten von uns stimmen ihm auch erst mal intuitiv zu. Doch dieser Satz hat erhebliche Konsequenzen: „So etwas wie die objektive Außenwelt gibt es nicht...“. Doch wenn es so etwas wie die objektive Außenwelt nicht gibt, was gibt es denn dann? Nun... im Akt unseres Wahrnehmens kreieren wir unsere eigene Wirklichkeit. Doch wie geht das?

Jeder nimmt die Welt vor dem individuellen Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen wahr. Angefangen in der Kindheit, wie Eltern mit einem umgehen. Wie der Kindergarten und Schule, aber auch Freunde auf uns wirken, hat Einfluss darauf, wie wir die Welt wahrnehmen. Welche positiven Ereignisse, aber auch welche Herausforderungen haben wir wie gemeistert und welche Schlüsse haben wir daraus gezogen. All das beeinflusst die Art und Weise, wie wir unsere eigene Welt wahrnehmen. Übertragen wir das auf Ihren Arbeitsalltag: Möglicherweise haben Sie einen Mitarbeiter, der nicht Ihre Leistungserwartungen erfüllt, den Sie für faul halten. Ihre Wirklichkeitskonstruktion, einen faulen Mitarbeiter zu haben, sondert alles, was dieser Wirklichkeitskonstruktion widerspricht, systematisiert aus – Sie haben einen faulen Mitarbeiter. Selbst wenn dieser Mitarbeiter Arbeit von hoher Qualität in knapper Zeit vorlegt, ist Ihre Wahrnehmung nicht mehr in der Lage, das zur Kenntnis zu nehmen. Sie wissen ja bereits, wie dieser Mitarbeiter ist: faul.

Wenn es so etwas wie die objektive Außenwelt also nicht gibt, was gibt es denn dann?

Aufgrund der Unterschiedlichkeit unserer jeweiligen Erfahrungswelten und der daraus resultierenden Wirklichkeitskonstruktionen, formulieren wir permanent Hypothesen darüber, was da draußen los sein könnte. Wir nehmen nicht die objektive Welt wahr, sondern beobachten etwas, vor dem individuellen Hintergrund unseres Erfahrungskontextes, den wir durch unsere Filtersysteme generiert haben. Wenn andere Menschen, zum Beispiel Mitarbeiter, involviert sind, weil wir an ihnen etwas wahrgenommen haben, bietet sich uns die wunderbare Möglichkeit, unsere Hypothesen zu überprüfen, in dem wir die Mitarbeiter einfach fragen. Irritierenderweise werden eben diese Menschen mit einem sehr hohen Maß an Wahrscheinlichkeit sagen, dass sie das gleiche Ereignis naturgemäß vollständig anders wahrnehmen. Denn wenn das Modell irgendwie wahr ist, dann sehen diese Menschen denselben Sachverhalt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Wirklichkeitskonstruktion. Und die ist naturgemäß vollständig anders als die meine.

 Das spannende ist nun, dass wir entweder das tun können, was im Unternehmenskontext üblicherweise der Fall ist: Positionen einander gegenüberstellen und darum kämpfen, wer Recht hat („Ober“ sticht „Unter“). Oder wir können miteinander in den Dialog treten, um unsere jeweils unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen in Abgleich zu bringen und darüber sprechen, wie wir möglicherweise zu einer geteilten Wirklichkeit kommen können.

Erst wenn man als Führungskraft diese entscheidende Erkenntnis hat, wird das tiefere Wissen über gelungene Führungskommunikation überhaupt wirksam. Bevor Führungskräfte also nicht auf die verschlungene Reise der Bewusstwerdung ihrer eigenen Wahrnehmungsmuster gehen, sind alle Seminare, Selbststudien oder auch Coachings zur Professionalisierung der eigenen Kommunikation einfaches Aneignen bloßer Werkzeuge. Der oft verwundene Weg der Selbsterkenntnis, wie ich als Führungskraft die Welt sehe, und wie ich dazu gekommen bin, sie so zu sehen, wie nur ich sie sehe, kann gelungenes Führungshandeln in erfolgreiches Führungshandeln umwandeln.

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