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Die Kolumne

Silicon Values – Inspiration oder Irrtum?

Verlautbarungen und Auftreten von kalifornischen Vorzeige-Unternehmern, die inzwischen gern auf Deutschland-Tournee gehen, auf dem Potsdamer Platz joggen und trockenen deutschen Politikern ihre „Moonshots“ für eine neue Welt erklären, sind vielen unsympathisch. Gewiss: Der „idealtypische“ harte Kern von Valley-Unternehmen ist extrem. Leute wie Steve Jobs, die Gründer von Google und Facebook oder auch Elon Musk, die das Image dieses disruptiven Unternehmertums mit geprägt haben, gelten nicht gerade als Sinnbilder von Empathie – aber genau das macht sie interessant. Ist jemand wie Musk, der die Menschheit ins Sonnensystem expandieren lassen will, verrückt? Und was hatte Steve Jobs im Sinn, als er die Pläne für die neue Apple-Zentrale in Cupertino erstellte?

Friederike Müller-Friemauth
Friederike Müller-Friemauth
Prof. Dr.

Spricht man Kalifornier auf ihre Orientierung an, antworten sie mit Formeln zu Exzellenz und Anspruch. ‚Wir wollen die Besten sein, die besten Produkte machen, die die Welt voranbringen’, heißt es sinngemäß. Dass es dabei wirklich nur um ‚das Beste für alle’ geht, bezweifelt mancher. Wenn diese Unternehmer freimütig über ihre Visionen sprechen (was sie gerne und häufig tun), erscheinen sie unglaubwürdig - allerdings nur für uns. In unserer Vorstellungswelt von Ökonomie stellen nämlich Ziele und Orientierungen, die

  • nicht klar definiert, sondern im Gegenteil extrem vage sind
  • zeitliche Reichweiten von 50 Jahren und mehr haben
  • und mit der gegenwärtig bekannten Realität gerade nichts zu tun haben wollen

keine ökonomisch qualifizierten Ziele dar, sondern, würde man sie tatsächlich verfolgen beziehungsweise dorthin führen, einen Fall für den Insolvenzverwalter. Sie sind anscheinend absurd – und wer sie ernsthaft als Motivationsgrundlage und Inspirationsquelle für unternehmerisches Handeln darstellt, disqualifiziert sich vom ökonomischen Diskurs.

Schaut man sich die weltweiten Kommentare zum ‚California Dreaming’ genauer an, bekommt man genau das gespiegelt. Kenntnisse über das Valley bleiben erstaunlich oft an der Oberfläche – trotz der vielen Pilgerreisen ins ökonomisch gelobte Land, die zahlreiche Unternehmer in der letzten Zeit antraten (und medial ausschlachteten). Urteilskriterien für die dortige ökonomische Praxis kommen fast ausschließlich „klassisch“ daher. Maßstäbe sind zumeist konventionelle betriebswirtschaftliche, also kanonisch gewordene Kriterien, um ökonomisches Handeln zu bewerten. Sind die Strategien dort konsistent und robust, die Akquisitionen dazu passend? Wie sehen die Ziele aus, wird (dem hiesigen Verständnis nach) professionell gemanagt und kontrolliert, anständig geführt?

Was aber, wenn all dies gar nicht die ökonomischen Hauptkriterien der Kalifornier träfe? Wenn Google, Facebook, Apple, Amazon und Partner nicht nur trotz dieser Distanz zum etablierten Regelkanon, sondern gerade wegen ihres Verhaltens solch immensen Erfolg hätten? Wenn ihre Art der Führung ein äußerst fein austariertes Management von Dissonanz, Meinungsverschiedenheit und Streit um das gerade Beste, ein genauso effektives Prinzip von Unternehmensentwicklung wäre wie unsere eigenen Methoden?

Wer sich inspirieren lassen will: Mein gerade erschienenes Buch über Führungs- und Exzellenzprinzipien von Valley-Unternehmen („Silicon Valley als unternehmerische Inspiration“, Springer Gabler) gibt Auskunft über die Details. Während wir hierzulande noch über die Vermeidung von Pfadabhängigkeiten und „Musterbrechen“ brüten, Kreativitätstechniken und agile Methoden als letzten Schrei diskutieren und Unternehmensdemokratie abfeiern, praktizieren Kalifornier etwas anderes: Sie professionalisieren ein antizipatives, visionäres Unternehmertum. Für Führungskräfte eine steile Lernkurve (wenn sie die denn wollen), für nüchterne Deutsche allerdings eine Provokation – bloß kann keiner behaupten, es funktioniere nicht.

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