Das Lebensweltmodell als Coachingtool zur Standortanalyse

21.04.2020
Corona – Homeoffice, Hausputz oder doch erst Homeschooling? Mir wird alles zu viel! Ich kann nicht mehr. Das kann so nicht weitergehen. Ich glaube, jeder Mensch kennt Situationen, die solche oder ähnliche Sätze in unseren Gedanken entstehen lassen. Schon im normalen Lebensmodus gibt es diesen berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Michaela Diesch
Michaela Diesch

Und nun setzt Corona dem Ganzen noch die Krone auf. Alles vermeintlich Sichere schwankt und jeder Tag bringt neue, vielleicht auch nur aufgewärmte Neuigkeiten. Was also tun, wenn sich in den vergangenen Tagen immer häufiger die Wörter „alles“, „nie“, „immer“ und „wieder“ in unseren Gedanken einnisten?

Sätze wie: „Mir wird alles zu viel!“; „Es wird nie wieder so wie früher.“; „Wieder trifft es mich besonders hart, so wie immer.“

Dann sollten wir uns Zeit nehmen. Zeit für Stille, Zeit, um über Fragen nachzudenken wie: Wo stehe ich im Moment und wie geht es mir da? Was treibt mich eigentlich an? Welche Aufgaben machen Freude, welche kosten viel Kraft?

Schon Franz von Sales soll gesagt haben: „Gib dir jeden Tag eine Stunde Zeit zur Stille. Außer wenn du viel zu tun hast. Dann gib dir zwei!“

Wenn Gedanken kreisen, v.a. wenn sie eher abwärts kreisen, kann Struktur helfen, Ordnung zu schaffen. Und Ordnung beruhigt den Geist. Also fangen wir an mit dem Aufräumen und lassen Putzeimer, Laptop und Homeschooling-Unterlagen einfach mal bewusst links liegen. Alles was Sie brauchen, ist ein Blatt Papier und einen Stift. Für die Kreativen dürfen es auch gerne mehrere Stifte in unterschiedlichen Farben sein, für die Puristen reicht einer. Was es noch braucht? Eine simple und effektive Technik aus dem Coaching, die sich wunderbar für die Erstellung einer Standortanalyse eignet:

Das Lebensweltmodell

Nehmen Sie jetzt Ihr Blatt Papier und zeichnen Sie einen großen Kreis (so groß wie es das Blatt Papier erlaubt) und in diesen Kreis zeichnen Sie wie bei einer Schallplatte in die Mitte einen kleinen Kreis.

Der große Kreis symbolisiert nun Ihre „Lebensbühne“, den kleinen Kreis heben wir uns für später auf. Die große Lebensbühne teilen wir nun in drei Teilbereiche – PRIVAT = Familie und Umfeld – ORGANISATION = berufliches Umfeld – PROFESSION = Bereich für Fort- und Weiterbildung, sowohl beruflich als auch privat. Gerne dürfen Sie diesen drei Bereichen individuelle Namen geben, z.B. Familie – Firma – Lager. Diese Namen dürfen fantasievoll sein oder wie in meinem Beispiel ganz einfach. Wenn Sie nun für Ihre drei Bereiche die passenden Namen gefunden haben, überlegen Sie, wieviel Raum diese drei Bereiche in Ihrer derzeitigen Situation ein nehmen und zeichnen diese ein.

Das Lebensweltmodell als Coachingtool?

In der Regel sind die einzelnen Bereiche nicht gleich groß. Wenn Sie also nun die Größen eingezeichnet und die einzelnen Bühnen beschriftet haben, können Sie in eine erste Reflexion gehen. Sind Sie mit der aktuellen Raumaufteilung zufrieden? Oder hätten Sie für einen der Bereiche gerne mehr Raum und wo wären Sie bereit, Abstriche zu machen, um diesen zu schaffen?

Der nächste Schritt ist nun zu überlegen, welche Rollen Sie auf den jeweiligen Bühnen haben. Benennen Sie diese und schreiben Sie sie auf. Ihnen fallen keine ein? Oh, ich bin sicher, dass Sie auf den jeweiligen Bühnen viele Rollen haben, die sie famos ausüben.

Familie: Vater, Mutter, Tochter, Ehefrau, Ehemann, Taxifahrer*in für die Kinder; Putzfrau oder -mann, Koch oder Köchin, Hausmeister, Kummerkasten für Freunde, Schriftführer für den Verein, ……

Firma: Kollege*in, Chef*in, Problemlöser*in, Kummerkasten, Mädchen für alles, Organisationstalent, ….

Lager: Ja warum nenne ich den Bereich Profession mein Lager? Hier können Sie alle Rollen und Professionen aufnehmen, die Sie aktuell schon bekleiden, für die Sie sich gerade qualifizieren und die sie bereits in der Vergangenheit erworben haben und vielleicht zurzeit nicht nutzen. Also vielleicht sind Sie Dipl.-Ing., haben aber auch eine Ausbildung als Elektriker, eine Qualifizierung zum Ausbilder, etc.

Haben Sie nun alle Rollen aufgeschrieben? Überlegen Sie ruhig noch mal. Mit der Zeit fällt einem noch so einiges ein. Denn dann ist es Zeit für die nächste Reflexion. Welche dieser Rollen erfüllt Sie mit Freude und gibt Ihnen Kraft? Machen Sie hinter dieser Rolle ein Pluszeichen. Welche dieser Rollen strengt Sie an und entzieht Ihnen Kraft? Hinter diese Rolle kommt ein oder vielleicht auch mehrere Minuszeichen. Gibt es Plus-Rollen, denen Sie mehr Zeit und Raum geben wollen? Gibt es Minus-Rollen, die Sie vielleicht sogar ganz aufgeben wollen? Machen Sie sich Notizen und bedenken Sie, diese Übung ist ein erster Schritt, um Klarheit zu schaffen. Wo sind die schwarzen Löcher, in die die Energie verschwindet? Wo verstecken sich die heimlichen Veränderungswünsche?

Tja, nun bleibt nur noch die Frage: Was kommt in den kleinen Kreis in der Mitte? Das was Sie antreibt, Ihre persönlichen und die für Sie momentan zentralen Werte. Davon haben wir immer einige, für diese Übung reichen aber die ersten drei oder vier, die uns spontan einfallen. Was ist Ihnen an Werten wichtig?

Ehrlichkeit; Erfolg; Fleiß; Zusammenhalt; Loyalität; Freude; Humor; …???

Wenn Sie nun Ihre Werte für sich erforscht und aufgeschrieben haben, kommt die dritte und letzte Reflexionsrunde. Können Sie Ihre Werte leben? In welchen Bereichen gut und in welchen Bereichen weniger gut? Gibt es Klärungsbedarf? Wenn Sie auf die Rollen mit dem Minus blicken, ist es die Aufgabe, die mit der Rolle verbunden ist, die Sie anstrengt, oder wird in dieser Rolle ein Wert verletzt, der Ihnen wichtig ist?

Wenn Sie jetzt auf die Uhr blicken, werden Sie sehen, die eine Stunde Stille konnten wir leicht füllen. Eventuell sind es auch zwei geworden. Diese haben Sie sich mehr als verdient. Wenn Sie dann auch noch für sich Klarheit schaffen konnten, dass eben nicht alles zu viel ist, sondern dass es meistens bestimmte Rollen sind, die alles überschatten, dann ist vielleicht der erste Schritt in die Veränderung gar nicht mehr so weit entfernt.