Lernen Sie schon oder quälen Sie sich noch?

14.11.2018
Mein erstes Corporate Learning Camp. Und nicht nur das. Es war auch die erste UNkonferenz bzw. „Barcamp“ dieser Größenordnung, die ich besucht habe. Knapp 300 Teilgeber mit Schwerpunkt Kompetenzentwicklung und 100 mögliche Sessions an zwei Tagen. Ich muss zugeben, ein wenig aufgeregt, vor allem aber sehr neugierig war ich darauf, was mich an den beiden Tagen erwarten würde.
Janine Vogler
Gastbeitrag
Janine Vogler

So kam ich also Donnerstagmorgen gemeinsam mit zwei Kolleginnen am Campus Center Kassel, einem sehr modernen und absolut passenden Ort für solch eine Veranstaltung, an. Nach nur einer Minute in der Warteschlange an der Registrierung, war ich schon mittendrin. Ein „Ach hallo! Du auch hier?“ und „Schön dich mal wieder persönlich zu sehen!“ sowie „Darf ich vorstellen, das ist der XY aus meinem WOL-Circle.“ tönte es überall. Für mich fühlte es sich an, wie ein großes Familientreffen, bei dem man als Neue/r ohne Umschweife integriert wird. Denn alle sind aus demselben Interesse und Antrieb heraus hier: zum Austausch darüber, wie Kompetenzentwicklung in Zukunft aussieht und wie Rahmen, Prozesse und Inhalte rund ums Lernen gestaltet werden können.

Der Session Plan war sehr divers. Von der Rolle der Personalentwickler in Zukunft über bewährte und innovative Methoden in Face-to-Face- sowie Online-Veranstaltungen sowie das Gestalten von nachhaltigen Lernangeboten bis hin zum Einsatz von Künstlichen Intelligenzen im gesamten Personalentwicklungsprozess.

Was mich an den beiden Tagen besonders beeindruckt hat und ein paar der Erkenntnisse, die ich für mich mitgenommen habe, möchte ich mit Ihnen teilen.

Künstliche Intelligenz als Personalentwickler, Trainer und Coache

Künstliche Intelligenzen sind noch nicht weit verbreitet, sind aber durchaus sehr aussichtsreich und werden in Zukunft den gesamten Personalentwicklungsprozess beeinflussen. Für jeden Schritt im Prozess angefangen von der Beratung des Lernenden über Entwicklungsfelder durch intelligente, tutorielle Systeme (z. B. ALEKS) bis hin zum persönlichen Coaching (z. B. AMBIT) gibt es bereits erste Lösungen. Viele Lösungen sind bisher durch Algorithmen und menschlich generierte Dialogkonzepte gekennzeichnet. Selbstlernende, also starke, KI sind jedoch auf dem Vormarsch. Wird die KI alle Schritte im Prozess ersetzen? Meine Antwort ist ein klares: Jein! Sie wird den Prozess in jedem Fall in vielen Aspekten unterstützen und vereinfachen. Ein sehr spannendes Entwicklungsfeld, wie ich finde. 

Lernen als integrativer Teil der Arbeit

Lernen ist nicht nur in der Zukunft, sondern auch schon heute Teil unseres Alltags. Wenn wir etwas nicht wissen, gehen wir ins Netz und „googeln“ es. Entsprechend wird sich unser Lernverhalten weiter anpassen und in den Arbeitsalltag integrieren. Lerninhalte, die Unternehmen ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellen, müssen daher zunehmend „on demand“ abrufbar sein und in kleineren Häppchen zur Verfügung stehen, damit das möglich ist. Eine Lernreise beschränkt sich nicht auf ein singuläres Seminar. Es braucht modulare Ansätze, die Arbeitsplatz-nah sind und divers in ihrer Art. Von kurzen Präsenzformaten über digitale sowie virtuelle Lerneinheiten bis hin zu Avatar-Lernwelten ist alles denkbar und je nach Schwerpunkt des Unternehmens aufzubereiten.

Mythos: selbstorganisiertes Lernen

Diese Art Lernkonzept erfordert einen Lerner, der bereit ist, selbstorganisiert zu lernen. Aber gibt es diesen Lerner überhaupt oder braucht der Mensch externe Anreize, um sich professionell und persönlich zu entwickeln? Dass das eine der höchstpriorisierten Fragen der beiden Tage war, ist aufgrund der Prognosen zur Lernwelt der Zukunft nicht verwunderlich. Gleichzeitig unterstellen wir mit der Frage doch, dass Lerner nicht von sich aus auf die Idee kommen, sich weiterzubilden. Ist das wirklich so oder ist das lediglich eine Hypothese, die es zu beweisen gilt? Was denken Sie? Meine Kollegin, Renate Vochezer, hat sich intensiver mit der Frage beschäftigt und gibt Ihnen Einblick in ihre Eindrücke. Ich habe für mich die Tendenz mitgenommen, dass jeder Mensch motiviert ist, sich mindestens das für seinen Job notwendige Wissen anzueignen, damit er gute Arbeit leisten kann. Da kein Arbeitsgebiet dem Stillstand unterliegt, wird ein Mitarbeiter wohl immer motiviert sein, sich weiterzuentwickeln. Die Frage, die wir uns meines Erachtens stellen sollten, ist eher: Sind die Inhalte und Formate, die wir dem Lerner bieten, interessant und passend genug?

Social Learning als wichtiger Bestandteil des Lernens

Social Learning, also der persönliche Erfahrungsaustausch, die Begegnung und das Lernen von- und miteinander ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil des Lernprozesses. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Begegnung face-to-face oder virtuell, über Meetingtools wie Skype oder Zoom, stattfindet. Unternehmen müssen bereit sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, um eine entsprechende Lernkultur zu ermöglichen. Seien es Mentoring-Programme, Social-Collaboration-Seiten im Intranet oder Working Out Loud und ähnliche Methoden, um Kollaboration zu fördern.

Hat die Personalentwicklung ausgedient?

Die Rolle der Personalentwicklung sieht unter den genannten Gesichtspunkten künftig ggf. etwas anders aus als bisher, sagt man. Die PE wird weniger den Content bestimmen, den es zu lernen gilt. Denn der Lerner entscheidet, unterstützt durch eine beratende KI, welche Entwicklungsfelder er hat. Die Rolle der PE besteht voraussichtlich mehr darin, Unterstützer, Vermittler und Ermöglicher zu sein für die Lernreise jedes Einzelnen. Und damit bleibt die grundlegende Rolle der Personalentwicklung, zumindest nach meinem Verständnis, eigentlich die gleiche. Nur die Aufgaben verändern sich.

Eine klare und allgemeingültige Antwort darauf, wie die Lernwelt der Zukunft aussieht, gibt es meines Erachtens nicht. Denn die Wirklichkeit sowie die Anforderungen sind je nach Unternehmen und dessen Kultur sehr individuell. Und doch tat es gut, beim Corporate Learning Camp unterschiedliche Blickwinkel zu hören, zu sehen und sich darüber auszutauschen. Es war eine wunderbare Erfahrung und ich kann jedem, der sich mit Kompetenzentwicklung beschäftigt, nur empfehlen, der Community beizutreten und beim nächsten Barcamp dabei zu sein! Ich werde definitiv wiederkommen!