Mutig ist, wer zu seinen Ängsten steht

09.06.2020
„Mut“ ist im Führungskontext eine so überschätzte wie unterschätzte Eigenschaft. Überschätzt dort, wo er als Relikt von Heldenfantasien längst überholte Ideologismen wie „Kampf“, “Feldzug“, „Kraft“, „Sieg“ etabliert hält. Unterschätzt, wo er in Form von Zivilcourage, fairem Handeln und aktiver Achtsamkeit gerade auch im Wirtschafts- und Finanzsektor im Ruf steht, zu geräuschlos zu sein, um damit hohe Ziele erreichen zu können. Die Wahrheit liegt auf der Mitte: „Sanfter Mut gewinnt den Feind“.
Violeta Mikic
Violeta Mikic

Sie kennen das: Wochenstart, Sommer, das Team-Projekt läuft, im Büro sind alle gut gelaunt und über YouTube spielt jemand den Happy Morning Seeside Jazz. Plötzlich CUT. Ohrenbetäubendes Geschrei aus den Lautsprechern. Gedröhne von Hubschrauberarmeen oder Brontosauriern oder beidem. Über den Bildschirm rasen RoboCops, aufgepumpte Helden auf dem Weg, eine Welt zu retten, die aus Gefechten der Stärksten gegen die Allerallerstärksten besteht. Ach ja, das ist der Trailer des neuesten US-Thrillers. Vielleicht gibt es sogar eine Prinzessin der dritten Art mit platinfarbenen Haaren bis zum Boden, um deren Liebe hier noch gekämpft wird. Aber eigentlich ist auch das unerträglich. Im Vorbeigehen drückt ein Kollege den Button Werbung überspringen ► Zurück zum Happy Morning Seeside Jazz. Man ist wie erlöst.

Wirklich? Keine Frage, die Erlösungsvorstellungen, die die Filmindustrie bespielt, sind einfältig in ihrem Narrativ. Das ist uns klar. Wenn man sich dagegen in den Arenen unserer heutigen Wirtschafts- und Finanzwelt umschaut, in der auf Einzelnen real eine immense Verantwortung lastet und es auch Auseinandersetzungen bedenklichen Ausmaßes gibt, so existieren bei uns doch Gleichstellungsgesetze, Auffangsysteme, gerechte Sprache, fairer Handel.

Nur: Wenn wir ganz ehrlich sind, entdecken wir Relikte der primitivsten Heldenidee auch in unserem Betriebsalltag, eine quasi ausgedünnte Fassung: Männer dürfen nicht schwächeln, Frauen sind für die weichen Werte zuständig und über Angst redet man nicht. Es ist beinahe, als ob weiter ein kollektives Erfahrungserbe aktiv ist. Wir sind aufgeklärt, leben in Individualgemeinschaften, doch zugleich unterdrücken wir, was uns erst individuell macht: die Abweichung, der kleine Makel, das Zaudern, die Kehrseite. So marschieren wir zum Geschäftstermin. Waffen oder Muskeln werden nicht mehr zur Schau gestellt. Aber wir sind innerlich zugerüstet, die einen mehr, die anderen weniger – mit konditionierten Emotionen, Strategiepatenten, Idolen, Stress, Erfolgsdruck. Und dann kommen wir aus dem Meeting, und die Kolleg*innen sagen: "Du warst diesmal aber echt mutig." Verrückt! Faktisch werden wir gelobt für das, was uns nervt, entfremdet und – auf Dauer – wohl auch krank macht. Viele Führungskräfte berichten so etwas, wenn sie den geschützten Rahmen dafür finden: "Richtig, ich sah extrem mutig und kampfbereit aus. Aber in Wirklichkeit hatte ich die Flatter." CUT.

Aktionärsversammlung. Der Konzernchef tritt vor die Presse. Auf dem Weg zum Podium stolpert er. Alptraum. Was tut er? – Er lacht! Unglaubliche Sache. Er lacht über sich selbst und fängt genau damit binnen Sekunden den Schrecken aller Anwesenden auf. Dies nenne ich das Reaktionsmuster eines wirklich mutigen Menschen. Mut bedeutet, die Rüstung des Konzernchefs fallen zu lassen in dem Augenblick, da sie ohnehin gefährdet scheint. Mutig ist es zu lachen, wenn man aus der Rolle fällt, weil man damit so frei ist zuzugeben, dass es überhaupt eine Rolle war.

Tatsächlich ist eine Grundstimmung in all meinen Coachings zum Thema "Präsentation/ Repräsentation": Es ist nicht allzu schwer, stark zu wirken und eine große Geste zu performen. Aber es ist sehr schwer, aufrichtig zu bleiben, wenn man zweifelt, nicht nur Risiken, auch Rücksichten nehmen möchte. Doch hier beginnt erst das Reich des echten Muts.

"Mut" ist der Pegelstand authentischen Verhaltens in Krisensituationen. Für sich ist der Mut ja nicht einmal eine riesenhafte Angelegenheit. Genau genommen gibt es ihn allein gar nicht, so wie es zum Beispiel die Schönheit oder die Weisheit gibt, die aus sich selbst heraus bestehen. Mut ist eine Reaktionsform. Er ist angewiesen auf die Angst, die ihm vorausgeht oder gegenübersteht. Insofern wandelt sich der Mut mit unseren Befürchtungen. Eine Boxerin braucht einen ganz anderen Mut als ein Bienenzüchter. Würde er sich nicht wandeln, wäre er blind und unsere Welt läge längst zerschlagen wie die der RoboCops, die niemals Helden sein können, weil sie keine Angst fühlen. Man könnte auch sagen, Angst ist das Relais, das unseren Mut auf menschlichem Maß hält.

Ich denke oft an den Feuerwehrmann in Australien, der sich im brennenden Wald zu einem Tier hinuntersetzte, um dessen Pfoten zu kühlen.

Von diesem Bild leitet sich eine der Maximen meiner Coaching-Tätigkeit ab: Mutig zu sein bedeutet, im Kontakt mit dem eigenen Warnsystem zu bleiben, wie heiß es auch immer wird. Denn zu Helden werden nicht die, die sehr viel mutiger als andere sind. Zu Helden werden die, die im Moment der Gefahr angesichts der eigenen Ängste handeln.