Neurosystemische Konzepte – Selbststeuerung in Krisen erhöhen

08.07.2020
Was Personalentwickler und HR-Verantwortliche noch bis vor kurzem unter der Überschrift „VUCA-Welt“ heiß diskutierten, hat sich durch die Corona-Krise sehr konkret in unserem Alltag manifestiert. Dabei versuchen Unternehmen die Auswirkungen der Krise so gut es geht abzufedern und entstandene Umsatzeinbußen wieder aufzuholen.
Fabian Ainser
Fabian Ainser

Im Sinne eines positiven Nebeneffekts haben sich dabei Remote Work, Homeoffice und Video-Konferenzen wie selbstverständlich etabliert. Gleichzeitig leiden viele Mitarbeiter auch unter der drastischen Umstellung ihres Alltags. Einige Menschen fühlen sich eingeschränkt, erleben inneren Druck oder machen sich Sorgen, wie es weitergehen soll. Soziale Distanzierung, die mögliche Bedrohung der eigenen Gesundheit oder die Gefahr, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, lösen diese Emotionen aus. Für Unternehmen entsteht daraus die Frage, wie sie auf die Nöte der Menschen eingehen können, um ihre Mitarbeiter für die Krisenbewältigung zu stärken.

Dies fordert Personalentwickler heraus, Führungskräften und Mitarbeitern konkrete Instrumente an die Hand zu geben, um sie im Umgang mit ihren sogenannten unwillkürlichen Prozessen zu stärken (Schmidt 2018, 2019). Wie relevant diese hoch-automatisierten Vorgänge für Menschen sind, wird uns in der jetzigen Zeit bewusst. Wie der Name es bereits andeutet, entfaltet unwillkürliches Erleben ohne unsere gezielte Absicht konkrete Wirkung auf unser Befinden und beeinflusst die eigene Handlungsfähigkeit. Gerade wenn sich die Geschehnisse in der Welt überschlagen, übernehmen sie mehr und mehr die Steuerung unserer Gefühle, Gedanken und beeinflussen unser Verhalten. Jeder von uns entwickelt dabei seine eigene unwillkürliche Antwort auf die Situation der letzten Wochen. Viele Menschen konnten bspw. mit Homeoffice, Online-Meetings und anderen Auswirkungen des Lockdowns sehr gut umgehen. Einige von uns kommen innerlich an ihre Grenzen. Auf ihnen lastet ein großer Druck oder sie können durch die Unsicherheit der nahen Zukunft nur schwer ihre Gedanken sortieren und Entscheidungen treffen. Auch fallen manche Menschen in ein tiefes Loch, da ihnen der persönliche Austausch mit den Kollegen fehlt.

Die Auswirkungen der unwillkürlichen Prozesse auf das eigene Denken und die Urteilsfähigkeit in Organisationen gilt heute als gesichertes Wissen (Kahneman 2015; Bargh et al. 2012; Pratt und Crosina 2016). Daher bildet unwillkürliches Erleben nicht nur die Grundlage für unser soziales Miteinander, es ist vor allem der Ausgangspunkt jeglicher Kompetenzentfaltung in Unternehmen. Gerade Führungskräfte spüren häufig den Zusammenhang zwischen ihrer psychologischen Ausrichtung und ihrer konkreten Leistungsfähigkeit und Performance. Gleichzeitig fehlen ihnen jedoch Instrumente, um aktiv auf ihr Erleben Einfluss zu nehmen. Aus neurobiologischer Sicht ist dies nachvollziehbar und lässt sich anhand der Architektur unseres Gehirns gut erklären. Unsere Emotionen werden vorwiegend über tief liegende Hirnbereiche gesteuert (Stamm- und Zwischenhirn), die mit unserem bewussten Denken aus der sogenannten Großhirnrinde (Neokortex) nur sehr schwer erreichbar sind. Zwar treten Gefühle häufig in unser Bewusstsein und wir ordnen sie im Nachhinein gedanklich ein (sogenannte Kausalattribution), über rationales Denken können wir Emotionen jedoch bestenfalls unterdrücken. Unser Erleben zielgerichtet zu gestalten, erfordert dagegen Strategien, die mit den neuronalen Strukturen von Stamm- und Zwischenhirn kompatibel sind und damit Wirkung im Erleben erzeugen können.

Die Neurosystemischen Konzepte (Schmidt 2018, 2019) bieten hier wunderbare Möglichkeiten. Der Begründer Dr. Gunther Schmidt integriert in seinen Methoden wichtige Erkenntnisse aus der Gedächtnispsychologie, Embodiment- und Priming-Forschung in ein neurobiologisch fundiertes Handlungsgerüst. Führungskräften gelingt es mit dieser Systematik, wirkungsvoll ihre Impulse abzufedern und ihr gesamtes mentales Potenzial auf ihre kognitiven Ziele auszurichten. Damit erhöhen Menschen gerade unter sehr anspruchsvollen Bedingungen entscheidend ihre Steuerungsfähigkeit und bleiben viel länger handlungsfähig. Insbesondere der Zugang zu den eigenen fachlichen Kompetenzen fällt sehr viel leichter, da hoch-automatisierte Reaktionen nicht länger der eigenen Potenzialentfaltung im Wege stehen. Vielmehr können durch neurosystemische Konzepte Menschen ihre unwillkürlichen Prozesse nutzen und mentale Abläufe eigenverantwortlich gestalten. Dies erhöht drastisch die persönliche Handlungsfähigkeit, Zielorientiertheit und Problemlösefähigkeit in Krisenzeiten.

Neben diesen Möglichkeiten zur Selbststeuerung erhalten Führungskräfte außerdem weitreichende Fähigkeiten im Aufbau eines sinnstiftenden Führungssystems. Dabei wird Führung als Aufgabe verstanden, für die Mitarbeiter einen Rahmen der Kompetenzaktivierung zu bilden. In diesem Kontext werden Feedback- und Abstimmungsprozesse etabliert, die entlang der Mitarbeiterpotenziale Synergien für die Organisation entstehen lassen. Damit Menschen diesem Angebot folgen, müssen Führungskräfte befähigt werden, wichtige Grundbedürfnisse ihrer Mitarbeiter in der Zusammenarbeit zu fokussieren. Gleichzeitig muss das Augenmerk immer wieder auf die sinnstiftenden Ziele der Organisation gelenkt werden. Aus dieser Dynamik entstehen häufig ambivalente Ziele, die achtungsvoll Berücksichtigung finden. Scheinbare Widersprüche können über neurosystemische Kommunikation aufgelöst werden bzw. gleichermaßen Würdigung finden. Dadurch verlieren diese häufig latent schwelenden Zielkonflikte ihre systemische Kraft in der Organisation und die Energie kann sich auf die Herausforderungen des Tagesgeschäfts fokussieren.

Um Führungskräfte in diesem Vorgehen weiterzuentwickeln, legt die Akademie für Führungskräfte ab Herbst 2020 ein neues Trainingsprogramm auf. Auf Basis fundierter Erkenntnisse aus Neurobiologie, Hirnforschung und Gedächtnispsychologie werden in hoher Praxisrelevanz die neurosystemischen Führungskonzepte vermittelt. Die Arbeit im Seminar orientiert sich dabei stringent an den Anliegen der Teilnehmer. In kurzer Zeit entstehen neue Perspektiven auf die Dynamiken der beruflichen Rolle, die über konkrete Methoden weiterentwickelt werden. Mit diesem Handwerkszeug gehen die Führungskräfte gestärkt zurück ins Unternehmen und sind fähig, neue unternehmerische Kraft für ihre Organisation zu entfalten.

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