Nicht perfekt und trotzdem effizient?

15.05.2019
Viele von uns sind perfektionistisch veranlagt oder möchten möglichst alles unter Kontrolle haben. Die Gründe dafür sind meist vielfältig. Zum Teil liegt das menschliche Perfektionsstreben einem wortwörtlich „in den Genen“.
Sven Henze
Sven Henze

Zum anderen sorgen Prägungen aus Kinder- und Jugendtagen oder besondere Erlebnisse aus unserer Vergangenheit dafür, dass wir viel Energie investieren, um keinen Fehler zu machen und Dinge bis ins letzte Detail zu planen, um Aufgaben 'optimal' erfüllen zu können. Doch was wäre, wenn die vermeintliche 'Tugend' des Perfektionismus mehr Nachteile mit sich brächte, als sie nutzt – dem Einzelnen sowie der Organisation, in der er arbeitet?

Nehmen wir mal an, dass Perfektion nicht glücklich macht. Oder anders formuliert: Perfektionismus mag der Grundstein von Unglück und Unzufriedenheit sein.

Provokant, nicht wahr?

Was kennzeichnet perfektionistisch veranlagte Menschen? Ganz einfach: Sie haben ein hohes Anspruchsdenken und eine überdurchschnittlich hohe Erwartungshaltung:

Sie legen sich die Messlatte sehr hoch – häufig sogar auf ein unrealistisches Maß. Sie stellen sehr hohe Anforderungen an sich selbst. Und erreichen deshalb ihre angestrebten Ziele selten bzw. nicht in dem Tempo, wie sie es sich wünschen. Das führt natürlich zu einer Unzufriedenheit. Denn es meldet sich der innere Kritiker und sorgt dafür, dass man auf seine Leistungen nicht oder nur sehr, sehr selten stolz sein kann. Statt Erfolge oder Teil-Erfolge zu feiern, sabotiert der innere Kritiker das Erfolgserlebnis. Gut ist ihm einfach nicht gut genug. Er will es perfekt. Perfektionismus ist also der Nährboden für latente Unzufriedenheit. Und für Stressgefühle. Durch den hohen Anspruch an sich selbst geraten viele Menschen in eine Spirale aus Leistungsdruck und Überforderung.

Doch perfektionistisch veranlagte Menschen haben nicht nur hohe Anforderungen an sich selbst. Sie besitzen auch (meist unbewusst) sehr hohe Erwartungen an ihr Umfeld – also auch an ihre Mitmenschen und Kollegen/innen. Das hat natürlich auf Dauer Auswirkungen auf ihre Beziehungen zu ihren Teammitgliedern. Mancher Kollege eines Perfektionisten mag zum Beispiel denken: „Dem kann ich es eh nie recht machen.“ oder „Es kommt mir vor, als würde ich ständig auf dem Prüfstand stehen.“ und meidet die nähere Zusammenarbeit.

Eine umfangreiche psychologische Felduntersuchung hat neulich ergeben, dass Mitarbeiter in Unternehmen, die nach Perfektion streben, keine „besseren“ Leistungen erbringen. Es macht den Anschein, dass Perfektionisten oft zu viel Zeit damit verbringen, spezifische Aufgaben zu perfektionieren, während sie andere Aufgabenpakete vernachlässigen oder glatt übersehen. Sie verlieren häufig den Blick für das Große und Ganze.

Doch eines ist klar: Die Dinge sind nicht perfekt. Es ist auch von der Natur so nicht vorgesehen. Niemand erwartet wirklich, dass alles perfekt ist.

Um eine gesunde Balance zwischen Engagement und Pragmatismus zu erlangen, gilt es also, die eigenen Ziele und überhöhten Ansprüche auf ein realistisches, gesundes – also auf ein angemessenes Maß zu bringen. Zudem ist es förderlich, sich in bestimmten Situationen auch Fehler zu erlauben. Denn ansonsten ist Perfektionismus mehr Fluch als Segen.

Im Seminar 'Wege aus der Perfektionsfalle' werfen wir einen Blick auf die typischen Gedankenmuster von Perfektionisten und erarbeiten individuelle Möglichkeiten, mehr Pragmatismus sowie Ausgeglichenheit zu gewinnen, um das Arbeitsleben leichter und freundvoller (oder freudvoller?) gestalten zu können.