Nützlich oder Unsinn? Neue Führungstools aus Agile & Co.

Nützlich oder Unsinn? Neue Führungstools aus Agile & Co.

19.07.2017
Gastbeitrag
Karin Rahtje

Seit den 70er Jahren ging es in Trainings häufig um die Steigerung der Mitarbeitermotivation durch gute Führung. Zunächst herrschte ein Führungsbild, welches heute nur noch bedingt Anwendung finden kann: Der Unternehmertyp der Nachkriegsgeneration, der beide Ärmel hochkrempelte, um mit viel Anstrengung aufzusteigen. Die Führungskraft, die Ton und Richtung vorgibt und Mitarbeiter, die diesen Vorgaben folgen und alleine dadurch motiviert und zufrieden sind. Doch mit dem Aufkommen der Wohlstandgesellschaft konzentrierten sich Arbeitnehmer zunehmend auf ihre eigene Selbstverwirklichung bzw. das persönliche Glück und erwarten dies auch im Beruf.

Doch es hat sich nicht nur die Einstellung zur Arbeit geändert, auch unsere Arbeitswelt selbst. Die Kommunikation beispielsweise nimmt aufgrund der Digitalisierung stetig zu und eine rasante Geschwindigkeit auf. Intern wie extern — Kunden erwarten diese Geschwindigkeit und Unternehmen müssen sich daran anpassen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass „Agile Arbeitsmethoden“ in aller Munde sind und somit nicht nur auf die Mitarbeiter, sondern auch auf das Führungsbild Auswirkungen haben: Agile Führung muss extreme Flexibilität ermöglichen, sie soll Selbstverantwortung und Motivation von Mitarbeitern fördern. Im Sinne des Unternehmens und als Antwort auf die veränderten Mitarbeiterbedürfnisse.

Betreten wir ein extrem agiles Szenario: In nach agilen Prinzipien arbeitenden Unternehmen gibt es Mitarbeiter, denen ein wohlklingendes „Guten Morgen“ nicht mehr reicht. Sie gehen als erstes frohgemut durch die „Happyness-Door“ und kleben ein Post-it über ihr momentanes Glückslevel an den Rahmen ... sie spielen in der Pause lachend Moving Motivators … um anschließend ein Stand-Up-Meeting durchzuführen, anstatt wie früher nur in der muffigen Küche Kaffee zu trinken. Ach ja, und Kaffe gibt es auch nicht mehr! In Retro-Sesseln lümmelnd wird Latte geschlürft und dabei Wichtiges auf Kanban-Whiteboards gepinselt. Das Ganze wird mit fröhlichen Stickern versehen und in die WhatsApp-Gruppe gestellt, während aus Knetmasse der nächste Prototyp mal eben zusammengebaut wird.

Doch passt dies in jeden Kontext? Insbesondere erfahrene Führungskräfte fragen sich da: „Muss ich mich jetzt total umstellen?“

Als Expertin für diese neuen Methoden (die selbst auch schon 50 Jahre alt ist) sagt Karin Rathje dazu folgendes: Langjährige Führungskräfte bringen einen großen Koffer an Erfahrungen mit, mit dem sie neue Methoden erst kritisch gegenprüfen. Sie schöpfen beim Lernen aus ihrer Erfahrung und nutzen vorhandene Wissenssysteme, um altes Wissen einzuflechten. Es hat also auch biologische Gründe, warum die Skepsis zuerst kommt und Neues schwerer zu erlernen ist - weil es sich gegen Bestehendes erst bewähren muss.

Die gute Nachricht für alle Seiten: Einiges ist „alter Wein in neuen Schläuchen“. So kommt beispielsweise das alte Thema Delegation als „Delegation Poker“ daher. Dabei wird die Spannung eines Pokerspiels mit dem bisher äußerst trockenen Thema Delegation schwungvoll zu einer hervorragenden Gesprächsgrundlage verbunden. Doch wenn wir nun sowieso nur über „alten Wein“ sprechen: Brauchen wir das Ganze überhaupt?

Meine Antwort ist ein klares Ja. Die damit verbundene gute Laune macht glücklich und das macht leistungsfähig. Mehr Leistung heißt schnellere Reaktion auf Anforderungsänderungen, Produktivitätszuwachs und mehr Agilität heißt mehr Transparenz. In welchem Segment Sie auch tätig sind, mit steigender Selbstverantwortung der Mitarbeiter wird auch die Führungsrolle entlastet und vielleicht finden sich ganz neue Lösungen, wenn die passende Methode zum richtigen Zeitpunkt genutzt wird.

Seien Sie also mutig. Schauen Sie mit offenem Blick auf die agilen Methoden und testen Sie selbst, was zu Ihnen passt. Ob Kanban, Scrum, digitale Taskboards, Daily Standups, Burndown-Charts oder andere agile Ansätze: Viele agile Vorgehensweisen optimieren Ihre Prozesse, lösen Probleme und verbessern die Teammoral. Nicht jeder muss durch die „Happiness-Door“, aber keine Angst vor bunten Klebezetteln: Vielleicht finden Sie neben dem „alten Wein“ auch ein neues, vielversprechendes Tröpfchen, das dann den entscheidenden Unterschied macht!