Selbstmanagement im digitalen Zeitalter

15.05.2019
Die hohe Informationsflut im digitalen Zeitalter fordert die Fähigkeit zur bewussten Beobachtung körperlicher und geistiger Prozesse und damit verbunden über eine gute Basis für die gezielte und sinnvolle Verwaltung unseres wichtigsten Kapitals: unserer persönlichen mentalen Ressourcen.
Peter Fuchs

Es ist Mittag geworden, der Coaching-Bot zusammen mit der Führungskraft an der Entscheidung angelangt, wie diese den noch nicht verplanten Slot der Mittagspause zubringt.

Drei Möglichkeiten stehen zur Verfügung: ein Arbeitsessen mit dem Kollegen eines benachbarten Bereiches, ein kurzer Lunch im Büro während der Durchsicht der am Vormittag aufgelaufenen Mails oder die Beantwortung eines dringenden kurzfristigen Anrufs aus dem Marketing zu einer kritischen Entwicklung mit Blick auf Diskussionen in sozialen Netzwerken.

Peter entscheidet sich für seine ganz individuelle und persönliche Form der Pause: Auf dem Weg in sein Büro bittet er seine Assistentin darum, ihm eine halbe Stunde ungestörte Zeit sicherzustellen. Er zieht seine Schuhe aus, setzt sich, mit Blick auf das Fenster, aufrecht in seinen Bürosessel und beginnt seine tägliche Atemmeditation. So verbringt er eine halbe Stunde und wird anschließend mit seinem Kollegen auf einen „Gedankengang“ gehen, einen Spaziergang im nahegelegenen Waldstück neben dem Betriebsgelände, um Ideen zu anstehenden Projekten auszutauschen.

Peter folgt in diesem Moment trotz verschiedenster Erwartungen und vermeintlich dringlicher Aufgaben möglicherweise einem intuitiven Gefühl, einer Art „inneren Stimme“. Sie versorgt ihn mit sicheren Informationen – in anderen Worten: mit „Daten“ – zu seinen momentanen körperlichen und mentalen Bedürfnissen und seinem aktuellen „Energielevel“. Peter verfügt über die Fähigkeit zur bewussten Beobachtung seiner körperlichen und geistigen Prozesse und damit über eine gute Basis für die gezielte und sinnvolle Verwaltung seines wichtigsten Kapitals: seiner persönlichen mentalen Ressourcen. Diese verfeinerte Selbstwahrnehmung ist Ausgangspunkt seiner Fähigkeit zur Selbststeuerung, in diesem Falle einer überlegten Steuerung von Aufmerksamkeit und Konzentration. Diese Steuerungskompetenzen werden schon heute spürbar, zukünftig unausweichlich.

Die digitale Revolution verändert Arbeitsmethoden und -prozesse, sie etabliert aber auch eine völlig neue Form der Wertschöpfung. In digitalen Märkten schafft die Aufmerksamkeitsökonomie* schon heute eine neue Währung: persönliche Lebenszeit und die Investition dieser Lebenszeit in echter und virtueller Umgebung. Die Wertschöpfung in digitalen Märkten beginnt bei der Bereitschaft des Users, seine Zeit einzusetzen. Je intensiver die Nutzung digitaler Angebote, umso reichhaltiger der Fluss persönlicher Daten und Informationen, die das Bindemittel einer engen, individualisierten Kundenbeziehung mit hohem Wertschöpfungspotenzial bieten.

Das Prinzip gilt zunehmend auch in Arbeits- und Kommunikationsprozessen. Zeit und Aufmerksamkeit werden zur wertvollen, mitunter entscheidenden Ressource. Agile Prozesse, die Dynamik digitaler Kommunikation und die rasante technische Entwicklung verlagern den Fokus des Denkens und Handelns zunehmend nach außen. Die Anforderungen der All-time-all-place-Technologien an die menschliche Aufmerksamkeit steigen exponentiell. Ablenkung ist dabei zum originären, vielerorts fast schon selbstverständlichen Bestandteil von Arbeits- und Kommunikationsprozessen geworden. Ein übrigens auch neurophysiologisch gut erklärbares Phänomen: Das menschliche Gehirn ist evolutionsbedingt für Ablenkung wie geschaffen. Emotions-aktivierende Regionen im Inneren unseres mentalen Zentralorgans „scannen“ eingehende Informationen auf der Suche nach Neuem, Unbekanntem, vor allem aber nach möglichen Risiken und Gefahren. Findet das System entsprechende Impulse, reagiert es mit Hormoninjektionen, die Neugier, Freude und Genuss, aber auch Überlastung und Stress auslösen.

Wo digitale Aufmerksamkeitsanforderungen auf ein für diese Ansprüche (noch) nicht wirklich optimiertes neuronales Steuerungsorgan – auf unser Gehirn – treffen, ist Vorsicht geboten. Oder besser: Vorsorge zu treffen. Notwendig ist eine neue oder deutlich gestärkte Kompetenz der mentalen Selbststeuerung. Sie zeigt sich in zwei Feldern: auf operativer Ebene in der Fähigkeit zur selbstbestimmten, ausbalancierten und disziplinierten Zeit- und Arbeitsorganisation, darüber hinaus als individuelle persönliche Haltung und Stabilität. Die Grundlage hierfür bilden Konzentration und Emotionskontrolle. Beides beginnt mit der oben erwähnten Fähigkeit zu bewusster Selbstwahrnehmung. Einer Fähigkeit, die in ablenkungsintensiven Umfeldern modernen Lebens zunehmend schwindet, durch Training und gezielte Übung von Achtsamkeit aber wiedergewonnen und entwickelt werden kann. So stellt achtsame Beobachtung äußerer und innerer Prozesse die Grundlage für bewusste Selbststeuerung und diese wiederum eine Art Kompass auf dem Weg zu Emotionskontrolle und Konzentration, gleichwohl zu Stressreduktion und Gelassenheit dar.

 

INNEN- UND AUSSENFOKUS – SELBST- UND ZEITMANAGEMENT

Für Führungskräfte besteht der erste Schritt zu bewusst achtsamem Handeln in Entscheidungen auf Basis verschiedener Fragen:

1. Wie gewinne ich (wieder) Kontrolle über meine Zeit und meine Ressourcen?

2. Wem oder was widme ich meine Aufmerksamkeit? Wann, wie lange und wie?

Aber auch:

3. Wie nutze ich meine Aufmerksamkeitskräfte, meine mentalen Kapazitäten?

4. Worauf fokussiere ich mich und meine Gedanken im alltäglichen Handeln?

 

Traditionelles Zeitmanagement mit dem Ziel optimierter, verdichteter Arbeitsorganisation verliert vor dem Hintergrund dieser Fragen an Bedeutung. Relevant wird zunehmend die Fähigkeit zur bewussten Wahl auf Basis einer inneren Gewissheit und konsequenter, bewusster Ausrichtung auf echte evidente Entscheidungskriterien.