Selbstorganisiertes Lernen als Teil des Wandels in der Weiterbildung

09.06.2020
Selbstorganisation im beruflichen Kontext hat viele Facetten, ein Aspekt davon ist selbstorganisiertes Lernen. Renate Vochezer, Projektleiterin Akademie Inhouse, beschäftigt sich aktuell sehr intensiv mit dem Thema „Selbstorganisiertes Lernen“ und berichtet von ihren Beobachtungen zu der Entwicklung in diesem Bereich, insbesondere in den Zeiten von Corona.
Renate Vochezer
Renate Vochezer

Das Corona Virus hat auch für die Bildungsbranche weitreichende Folgen. Das Kontaktverbot führte dazu, dass über mehrere Monate keine Präsenzseminare durchgeführt werden konnten.

Doch das Lernen hat in dieser Zeit keine Pause gemacht. Neben den virtuellen Seminaren, die verstärkt angeboten wurden, hat sich gezeigt, dass viele weitere Formate an Beliebtheit gewonnen haben, an welchen sich Lerninteressierte beteiligen konnten, wie z.B. Online-Sprechstunden, virtuelle Barcamps oder das MOOCamp 2020 der Learning Corporate Community. Meine Vermutung, dass in solch einer Krise selbstorganisiertes Lernen noch mehr Fahrt aufnimmt, scheint sich zu bestätigen.

Selbstorgansiertes Lernen, welches wir in diesem Rahmen gleich setzen mit selbstverantwortlichem Lernen, bedeutet, dass der Lernende seinen Lernprozess zu einem großen Maß selbst steuert, z.B. hinsichtlich:

  • Lernziel: Was will ich mit dem Erlernten erreichen, welchen Nutzen bringt mir das Erlernte?
  • Lerninhalte: Was konkret will ich lernen?
  • Lernmedien/-weg: Auf welchem Weg und mit welchen Medien möchte ich mir das Wissen aneignen?
  • Lernraum: Wann, wo und wie lange lerne ich?

Schlüsselfaktoren, die selbstorganisiertes Lernen (SOL) fördern

Im Austausch mit mehreren Lerninteressierten aus meinen Netzwerken habe ich folgende Schlüsselfaktoren für das selbstorganisierte Lernen identifiziert:

  1. Selbstorganisiertes Lernen braucht Freiraum
    SOL muss i.d.R. eigenverantwortlich mit der Arbeitszeit koordiniert werden, was die Gefahr birgt, dass die Prioritäten des Lernens nach hinten rücken. Ein Teilnehmer des MOOCamps berichtete, dass es für ihn sehr hilfreich war, dass in seinem Unternehmen jedem Mitarbeiter ein wöchentliches Zeit-Kontingent für das Lernen gewährt wird, das frei genutzt werden kann. Die Teilnahme an den Online-Sessions und den Lerngruppen während der Arbeitszeit konnte er so gut umsetzen. Auch dass im Unternehmen Lernen am Arbeitsplatz gemäß der 70-20-10-Regel inzwischen etabliert und erwünscht ist, empfand er als hilfreiche Lernkultur.
  2. Motivation durch einen klaren Nutzen
    Ein wesentlicher Vorteil des selbstorganisierten Lernens besteht häufig darin, dass der Lerner genau dann lernen kann, wenn er eine gewisse Fragestellung hat und sich auch spezifische Lerninhalte suchen kann, die er benötigt. Das angeeignete Wissen hilft ihm also, eine aktuelle Herausforderung zu meistern und damit erfolgreich zu sein. Er hat somit einen konkreten Nutzen und genau dieser Nutzen sorgt für eine hohe intrinsische Motivation.
  3. Lernen in einer festen Struktur
    Lernsettings, die eine feste Struktur vorweisen – z.B. ein MOOC mit regelmäßigen Online-Sessions, Lerngruppentreffen, Bearbeitung von Aufgaben – helfen dem Lernenden, sich nicht zu verzetteln. Findet das Lernen in einer Community (z.B. in einer Lerngruppe oder einem virtuellen Programm) statt und bauen die Lerninhalte aufeinander auf, sorgt diese Struktur für eine unterstützende Verbindlichkeit beim Lernenden.
  4. Unterstützung durch ein Netzwerk
    Das Lernen in einem Netzwerk oder in Lerngruppen ist in der Regel sehr inspirierend, da alle Teilnehmer das gleiche Interesse haben: sich zu einem bestimmten Thema auseinandersetzen und sich austauschen. D.h., es ist keine Einbahnstraße, da viele Teilnehmer meist aus dem gleichen beruflichen Kontext ihr eigenes Wissen einbringen und so immer wieder wertvolle Impulse  entstehen können.  
  5. Tue Gutes und rede darüber
    Um SOL in einem Unternehmen zu verankern und die Attraktivität dieser Lernweise zu fördern, ist es hilfreich, wenn die bereits „praktizierenden“ selbstorganisierten Lernenden darüber berichten. Dies kann im Rahmen von regelmäßigen Gesprächen mit der Führungskraft und/oder der HR erfolgen, aber auch die Kollegen sollten in die Kommunikation einbezogen werden und zwar über das Team hinaus. Dies kann beispielsweise in Form von „Brown Bag Sessions“ erfolgen. Die Idee dahinter ist, dass ein Mitarbeiter (Experte zu einem bestimmten Thema) in einer informellen Atmosphäre – z.B. in der Kantine in der Mittagspause – über einen interessanten Sachverhalt berichtet und zum Diskutieren anregt. Die Teilnahme der Kollegen ist freiwillig.

Empfehlungen für Learning Professionals in den Unternehmen

Selbstorganisiertes Lernen ist kein Ersatz für Präsenzseminare, sondern vielmehr eine wirksame Ergänzung, z.B. als Begleitung in Führungskräfte-Entwicklungsprogrammen. Durch diese Kombination werden einerseits die strategischen Entwicklungsziele aus Unternehmenssicht (z.B. eine einheitliche Führungskultur) aber auch die individuellen Lernbedarfe der Teilnehmer abgedeckt. Die individuellen Lernbedarfe resultieren einerseits aus der Vita und Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer aber auch aus den individuellen Aufgaben und Herausforderungen.

Auch wenn die Verantwortlichkeit beim selbstorganisierten Lernen hauptsächlich beim Lerner selbst liegt, können HR/PE, Learning Professionals, Lerncoaches etc. die Lerner wesentlich unterstützen, indem sie diese fachkundig begleiten. Dazu gehört u.a., dass mit dem Lernenden Lernziele vereinbart werden, dass diese einen definierten Rahmen bzw. Freiraum für den Lernprozess erhalten, dass Lernmaterialien bereitgestellt werden (z.B. Freischaltung von Kursen im Learning Management System), dass der Lernprozess durch einen Lerncoach o.ä. begleitet wird und dass Netzwerke bereitgestellt werden, bzw. der Lernende den Freiraum hat, sich selbst ein Netzwerk aufzubauen.

Wie das alles konkret funktionieren kann, wollen wir Ihnen in den nächsten Monaten in Form von White Papers vorstellen. Bleiben Sie gespannt.

Gerne beraten wir Sie dazu, wie Sie in Ihrem Unternehmen das selbstorganisierte Lernen fördern und mit bereits etablierten Lernformen (z.B. Seminaren) kombinieren können.