Finanzierungsregeln

Von einer optimalen Unternehmensfinanzierung kann dann gesprochen werden, wenn sie individuell auf das Unternehmen ausgerichtet ist, und auch Liquidität und steuerliche Belange integriert sind.

Es ist bekannt, dass mehrere inner- und ausserbetriebliche Einflüsse die Finanzierung eines Unternehmens beeinflussen. (Zahlungsmoral der Kunden, Schwankungen der Produktionsauslastung u.a.). In der Praxis haben sich folgende 5 relativ einfache Regeln herausgebildet:

Liquidität vor Rentabilität

Durch Differenzen zwischen Aus- und Einzahlungen treten Schwankungen im Kapitalbedarf auf, der zur Erhaltung des finanziellen Gleichgewichts erforderlich ist. Als eine wichtige betriebswirtschaftliche Regel für das finanzielle Gleichgewicht gilt im Zweifelsfall “Liquidität vor Rentabilität” Ð allerdings nur kurzfristig (d.h. bis zu einem Jahr). Was nützt ein Buchgewinn, wenn keine liquiden Mittel vorhanden sind, fällige Rechnungen sowie Gehälter und Sozialabgaben zu bezahlen?

Mittel und langfristig ist aber die Rentabilität existenzwichtig, denn ohne ausreichende Rentabilität ist ein Unternehmen trotz möglicher Liquidität nicht überlebensfähig, da Verluste bzw. negative Cashflows die vorhandene Liquidität schnell verzehren.

Vermögen ist langfristig zu finanzieren

Eine optimale Finanzierung berücksichtigt nicht nur den Balanceakt zwischen Liquidität und Ertragskraft (Rentabilität) sondern sorgt auch dafür, dass die Zahlungsströme sind aufeinander abgestimmt sind. Das heißt, dass das Anlagevermögen und langfristig gebundenes Umlaufvermögen durch Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital in mindestens gleicher Höhe finanziert sind. Hilfreich ist z.B. folgende Kennzahlen (Anlagendeckung in %), die aufzeigt, wie viel vom Anlagevermögen durch Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital gedeckt ist:

((Eigenkapital + langfr. Fremdkapital) * 100) / Anlagendeckung (Prozent) = Anlagevermögen + langfr. gebundenes Umlaufvermögen

Eigentlich sollte ein möglichst großer Teil des Anlagevermögens ausschließlich durch Eigenkapital finanziert sein um eine weitgehende finanzielle Unabhängigkeit von externen Kapitalgebern zu wahren. Erst wenn das nicht der Fall ist, sind folgende Alternativen zu prüfen:

  • Aufstockung des Eigenkapitals
  • Annahme von Gesellschafterdarlehen
  • Kapitalbeteiligungsgesellschaften
  • Umschuldung des kurzfristigen Fremdkapitals durch langfristiges Fremdkapital.
  • Aufnahme zusätzlicher langfristiger Kredite.
  • Verkauf nicht-betriebsnotwendiger Anlagegüter
  • Abbau des langfristig gebundenen Umlaufvermögens.

Investition gleich maximale Finanzierungsdauer (Fristenkongruenz 1)

Die Sicherstellung des finanziellen Gleichgewichts bedeutet auch, dass die Finanzierungsdauer von Investitionen im Anlagevermögen nie länger als deren technische Nutzungsdauer ist.

Eine Maschine hat z.B. eine wirtschaftliche Nutzungsdauer von fünf Jahren, die Maschine wurde über einen Kredit mit einer Rückzahlungsdauer von 72 Monaten finanziert. Obwohl diese Maschine nach fünf Jahren sowohl abgeschrieben als auch nicht mehr einsatzfähig ist, muss das Unternehmen dafür noch ein weiters Jahr lang Zins und Tilgung leisten.

Eine fristenkongruente Finanzierung hat zudem einige betriebswirtschaftliche Vorteile:

  • Geordnete Kalkulationsbasis durch objektbezogene Zins- und Tilgungsgrössen
  • Langfristige Kredite sind oft günstiger, als kurzfristige Kredite. (Es sei man spekuliert auf Zinssenkung)
  • Keine kreditbedingten Liquiditätsrisiken durch Zins- und Tilgungszahlungen nach Ablauf der wirtschaftlichen Nutzungsdauer.

Fremdkapital zu finanzieren (Fristenkongruenz 2)

Ein Unternehmen braucht genügend kurzfristigen finanziellen Spielraum, um die häufigen Schwankungen im Umlaufvermögen finanzieren zu können, die durch das laufende “Tagesgeschäft” entstehen. Neben so genannten Kontokorrentkrediten werden hier auch Lieferantenkredite als Liquiditätsreserve genutzt, sofern keine Bestände an Liquiditätsreserven vorhanden sind.

Diese Kredite sind teuer, weil entweder keine oder nur zweitrangige Kreditsicherheiten gestellt werden oder Skontoerträge nicht genutzt werden können. Aus diesem Grund kommen diese Finanzierungsformen nur für kurzfristige Umlaufvermögensfinanzierungen in Betracht.

Für den Fall einer mittel-, langfristigen Finanzierung von Teilen des Umlaufvermögens.

Siehe: FinanzierungWorking-Capital

5. Ausgewogenheit von Verschuldung und Ertragskraft

Die finanzielle Ertragskraft (Selbstfinanzierungskraft, Cashflow) eines Unternehmens und die Netto-Verschuldung (Effektive Schulden nach Abzug evt. vorhandener liquider Mittel) sollen zueinander in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, weil Schulden, die zur Finanzierung von Vermögensteilen dienen, wieder zurückgezahlt werden müssen.

Die “theoretische” Dauer der Entschuldung eines Unternehmens aus eigener Kraft (d.h. durch verbleibenden Cashflow) lässt sich durch folgende Formel errechnen:

(Netto-)Verschuldung/Cashflow = Entschuldungsdauer in Jahren

Es gelten aber folgende Einschränkungen, die bei der Anwendung solcher oder ähnlicher Kennzahlen zu beachten sind:

Diese Kennzahl kann in der Praxis nur als theoretischer Näherungswert dienen, da Cashflow ein “Zeitraumwert” (Geschäftsjahr) und die Verschuldung aus der Bilanz abgeleitet wird und somit “Stichtagswert” ist.

Nach Ablauf der Nutzungsdauer der alten Anlagen und Rückzahlungen der dafür aufgenommenen Kredite wird meist wieder eine neue Anlagen erworben(“going concern”), die wiederum über Fremdmittel finanziert wird, so dass eine “endgültige Entschuldung” in den meisten Fällen eine Utopie bleibt.

In der Praxis kommt der Kennzahl “Entschuldungsdauer” dennoch erstaunliche Bedeutung zu, wenn man sie unter folgenden Aspekten sieht:

  • Steigt oder sinkt die Entschuldungsdauer kontinuierlich?
  • Gibt es erkennbare interne Ursachen (Expansion, operative Verluste?)
  • Gibt es erkennbare externe Ursachen (konjunkturellen oder strukturelle Zyklen)?
  • Branchenspezifische Vergleichbarkeit (Benchmarking)?
  • Ableitbare Konsequenzen zur Geschäftspolitik, zum Produkt-Portfolio?

Abschließende Feststellungen

Finanzierungsregeln entfalten ihre positive Wirkung nur durch eine ganzheitliche, praktische Anwendung. Eine Liquiditätssicherung bewirkt wenig, wenn ein großes Working Capital vorhanden ist, andererseits die Kredit-Restlaufzeit zu kurz ist oder auch kurzfristige Kredite (Kontokorrent-/Lieferantenkredite) eine langfristige Finanzierungsfunktion ausüben müssen, sofern sie in aller Regel jährlich verlängert werden. In jedem Fall kommt es darauf an, sich auch diese Kredite “sicher” sind um jederzeit liquide zu sein.